Berlin im Expressionismus

 

Berlin wächst

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebte in Deutschland bereits über die Hälfte der Bevölkerung in Städten. Vor allem die Hauptstadt Berlin zog immer mehr Menschen an. Anders als zum Beispiel London oder Paris war Berlin zu dieser Zeit als Großstadt noch sehr jung. Kaiser- und Reichshauptstadt wurde es erst mit der Reichsgründung 1871; damals zählte es 826.000 Einwohner. Nur 40 Jahre später gehörte Berlin mit mehr als 2 Millionen zu den größten Metropolen Europas . Mit dem Bevölkerungszuwachs ging auch Wachstum in Technik, Industrie und Verkehr einher. Es fand eine Modernisierung in allen Bereichen statt, die es in diesem Maße zuvor in der Geschichte nicht gegeben hatte.   

 U-Bahnbau/Insbrucker Strasse 1908

Der rasch wachsende Güterverkehr, Ausbau und Modernisierung öffentlicher Verkehrsmittel, vor allem von S- (in Betrieb seit 1871) und U-Bahn (in Betrieb seit 1902), ermöglichten der Industrie, ihre Standorte an den Stadtrand zu verlagern, ohne Arbeitskräfte zu verlieren[7]. Die Wirtschaftsexpansion bewirkte gleichzeitig einen starken Zustrom von Menschen, die in Berlin Arbeit fanden. Für sie entstand rund um die Stadt ein Ring von Mietwohnhäusern. Diese so genannten Mietskasernen begannen, das Bild Berlins zu prägen und die soziale Struktur der Bevölkerung zu verändern. Das überschaubare Stadtbild der einstigen Residenzstadt verwandelte sich in die damals „größte Mietskasernenstadt der Welt“[8].

Trotz Wirtschaftsaufschwung, einem wachsenden Realeinkommen bei stabil bleibenden Preisen und einer Arbeitslosenrate, die sich trotz steigendem Bevölkerungswachstum bei unter drei Prozent hielt, blieb bis zum Ersten Weltkrieg das Gefälle zwischen arm und reich konstant[9], und die Lebensverhältnisse der breiten Massen waren katastrophal. Das war besonders an den Wohnverhältnissen der Menschen ablesbar:

Asyl für Obdachlose/Prenzl. Berg 1920Der scharfe Kontrast zwischen Arm und Reich, Herrschend und Machtlos, der anderswo - wie in Dresden - im milden Licht ehrwürdiger Tradition verklärt werden mochte, trat in Berlin ungehemmt zutage, war am Stadtbild ablesbar, an jeder Hausfassade, hinter deren protziger Dekoration aus dem Musterbuch der Baufirmen die tristen Wohnungen ohne Licht und Wasser versteckt wurden [10].

Die Einwohnerzahl Berlins verdoppelte sich im expressionistischen Jahrzehnt trotz vieler Verluste im Ersten Weltkrieg. Berlin wurde um 1920 die zweitgrößte Stadt Europas nach London. In ungeheurem Tempo war es zu einer Weltstadt geworden.

Anders als in Frankreich oder England herrschte in Deutschland bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein dezentrales Kulturleben. Die wachsende Industrialisierung förderte eine fortschreitende Zentralisierung in allen gesellschaftlichen Bereichen des Deutschen Reiches und brachte so „zwangsläufig eine Vorherrschaft Berlins mit sich“[11]. Das galt auch für das kulturelle Leben, so dass ältere kulturelle Zentren wie München, Leipzig, Dresden oder Hamburg mehr und mehr an Bedeutung verloren[12].

Verglichen mit der lyrischen Wahrnehmung anderer europäischer Metropolen wie Paris oder London[13] setzte die dichterische Verarbeitung Berlins nach der Erhebung zur Reichshauptstadt eher zögernd ein[14]. Nach Hans-Michael Speier ist hierfür ebenfalls der schnelle Aufstieg Berlins von der Residenzstadt zur Weltmetropole verantwortlich zu machen, der „kaum Zeit zu literarischer Mythenbildung“ ließ[15].

Der späte, heftige Aufstieg Berlins zu einer europäischen Metropole erfolgte in einer Zeit umfassender technischer Entwicklungen, die das Gesicht der Großstädte gegenüber früheren Jahrhunderten gründlich veränderten[16].

Erst mit der Entwicklung Berlins von einer Großstadt zur Weltstadt begann auch die Literatur, sich mit der Stadt selbst und den veränderten Lebensbedingungen in ihr auseinander zu setzen.

Die Berliner Expressionisten waren in Deutschland nicht die Ersten, die diese Veränderungen literarisch verarbeiteten. Bereits der Naturalismus hatte sich mit dem Thema Großstadt beschäftigt, und auch hier hatte Berlin eine herausragende Stellung eingenommen:

Seit Beginn des Naturalismus hat keine Stadt in der deutschsprachigen Lyrik eine so große Rolle als Thema, als Motiv, als Problem gespielt wie Berlin[17].

Wilmersdorf 1903Kennzeichnend für die naturalistische Auseinandersetzung mit der Metropole ist die „Distanz zwischen lyrischem Ich und Stadtraum“[18]. So verbleiben die Naturalisten der 90er Jahre in ihren Werken außerhalb der Großstadt, und auch sie selbst wohnen zwar größtenteils bei, aber dennoch am Rand Berlins[19], was allerdings nach Hermann Kähler kleinstädtische Züge trägt[20]. Erst die expressionistischen Autoren machen um 1910 den Schritt in die Großstadt hinein, und anders als ihre literarischen Vorgänger empfinden sie diese

nicht mehr als eine am Horizont sich erhebende Skyline, sondern als de[n] unentrinnbar vorgegebene[n] Erfahrungsraum[21].

Sie erleben die Großstadt, und diese Erfahrung bestimmt dann die Konstruktion ihrer Lyrik. Die Art und Weise der Behandlung des Themas wird nun eine andere.

Das bereits vom Naturalismus entdeckte Milieu der Kneipen, Cafés, Dirnen und Zuhälter, der Selbstmörder und Idioten[22]

wird vom Expressionismus weitergeführt und verschärfter dargestellt. Der Stadtalltag selbst, aber auch die Konsequenzen dieses Alltags für das Individuum, werden nun zu einem neuen und entscheidenden Aspekt in ihrem Themenrepertoire.

Erst der Berliner Expressionismus entdeckt die Großstadtstraße als Sinne und Nerven in Vibration versetzendes psychisches Reizmittel und Faszinosum und gewinnt daraus ein zentrales Motiv[23].

Die Voraussetzungen für die neue Sicht der Stadt waren in Deutschland erst zu Beginn des 20sten Jahrhunderts erfüllt. So erklärt sich, dass die Expressionisten in diesem Land die Ersten sind, die Großstadtlyrik schreiben und damit erklärt sich auch, welche Großstadt dabei gemeint ist:

Der Expressionismus war [...] die erste wirkliche Großstadtkunst in Deutschland überhaupt und fand daher sein logisches Zentrum in Berlin[24].

Wolfgang Paulsen schlussfolgert daraus, die Großstadt Berlin sei so jung wie der Expressionismus[25].

Eröffnung U-Bahnhof Uhlandstrasse 1913

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